Umweltgruppen sind schockiert
Schauplatz Bahnhofstraße, gegenüber der ehemaligen Zulassungsstelle: Eine öffentliche Grünfläche, auf der die Stadt Kempten von Bürgern einst Bäume spenden und pflanzen ließ
– ausgerechnet hier will ein seit 40 Jahren in Kempten ansässiges Traditionsunternehmen bauen. Und nun? Die alte Leier: Baum oder Bauen? Grünfläche oder Gewerbe?
Eine grüne Oase, teils Wiese, teils wilder Wald, durchzogen von Rad- und Fußwegen, mitten in der Stadt: Im nordwestlichen Teil des Grundstücks befindet sich ein gemäß Bundesnaturschutzgesetz geschütztes Biotop, zusätzlich gibt es im südlichen Teil des Grundstücks ein „potentielles“ Biotop. Im östlichen Bereich möchte das besagte Unternehmen nun eine neue drei- bis fünfstöckige Firmenzentrale errichten mit ausreichend Platz für Produktion, Seminarräume, Einzelhandel sowie Kita und Cafeteria für die Angestellten.
Im Ratsinfoportal sind zum geplanten Bauprojekt nicht viele Informationen zu finden. In der Präsentation für den Planungs- und Bauausschuss steht jedoch, wenig Gutes verheißend: „Aufgrund des Vorhabens sind größere Eingriffe in die umfangreichen Grünstrukturen, insbesondere in das Biotop, erforderlich.“
Das Absurdeste ist allerdings die Sache mit den Bürgerbäumen im südlichen Teil der Fläche. Dort wurden im Rahmen der Aktion „Baumpflanzungen 2000“ vor 25 Jahren zahlreiche Bäume gepflanzt. Teilweise tragen die Bäume noch kleine Namensplaketten der Spender. Laut Florian Eggert, dem Leiter des Stadtplanungsamtes, „ist eine waldähnliche Fläche mit geschütztem Baumbestand gemäß Baumschutzverordnung entstanden.“ Der wertvolle Baum- und Strauchbestand habe „eine sehr wichtige stadtklimatische Bedeutung, insbesondere im Hinblick auf die Folgen des Klimawandels“, heißt es weiter.
Als Bürgerin mit einem Herz für Bäume und stark ausgeprägtem Bewusstsein für die Notwendigkeit, Bedeutung und Schönheit naturnaher Inseln in der Stadt staune ich, wie schnell so eine Fläche in Gefahr ist. Ein Unternehmen meldet den Wunsch an, auf der öffentlichen Grünfläche zu bauen und – schwuppdiwupp – beschließt der Bauausschuss die Aufstellung eines vorhabenbezogenen Bebauungsplans, um Baurecht zu schaffen. Wo bleiben die Bekenntnisse unserer Klimakommune zu Klimaschutz und Artenvielfalt? Zum Schwammstadt-Prinzip und zur Eindämmung von Flächenfraß? Und warum wird nicht erst einmal nach anderen, bereits versiegelten Flächen bzw. Objekten gesucht, die als Alternative in Frage kämen?
Macht es eigentlich einen Unterschied, ob Bäume von einem „Traditionsunternehmen“ gefällt werden oder von einem dahergelaufenen Investor? Ich meine nicht. Den Bäumen dürfte es ziemlich egal sein, wer sie fällt. Das Ergebnis ist eben ein toter Baum, ein gerodetes Wäldchen, versiegelte Fläche.
Und nun? So weit uns bekannt ist, wird das Bauvorhaben im nächsten Gestaltungsbeirat vorgestellt. Das könnte spannend werden; die externen Experten (i.d.R. Architekten aus anderen Städten und Regionen) sind zwar immer ausgesprochen höflich, wenn sie Projekte beurteilen, nehmen aber in der Regel kein Blatt vor den Mund. Hoffen wir, dass sie die Themen (Stadt-)Klima und Artenschutz auf dem Schirm haben.
Die Sitzung ist öffentlich, man kann sich also einfach reinsetzen (und auch jederzeit gehen) – schaut euch das Spektakel an:
Gestaltungsbeirat am Donnerstag, 4.12.2025 von 14.30 – 18 Uhr im Rathaus.
ACHTUNG, das Thema steht nun doch nicht am kommenden Donnerstag auf der Tagesordnung! Voraussichtlich wird es auf die nächste Sitzung des Gestaltungsbeirats verschoben. Der findet erst im März 2026 statt. Wir halten euch auf dem Laufenden!






