Vom Klecks-Parkplatz zum Hauptbahnhof:
Die vergangene LebensWert-Veranstaltung stand ganz im Zeichen der Umstrukturierung des Kemptener Stadtbussystems: Die ZUM am Stadtpark soll aufgelöst werden, dafür sollen zwei neue „Mobilitäts-Drehscheiben“ entstehen: eine am Hauptbahnhof, die andere nördlich der Innenstadt an der Rottachstraße. Über Strategie und Vorgehen wurde die Bürgerschaft bisher weitgehend in Unkenntnis gelassen.
Um 16.30 Uhr stand die erste Ortsbegehung an: Im strömenden Regen führte Franz Schröck (Geschäftsführer des Architekturforums) von der Orangerie zur Rottachstraße und gab einen kurzen Überblick über die Historie des Bereichs. Neben interessierten Bürger*innen und der Presse waren auch zahlreiche Mitarbeiter des Referats für Planen, Bauen und Verkehr gekommen: Tim Koemstedt (Referatsleiter), Markus Wiedemann (Leiter des Amts für Tiefbau und Verkehr) und Stefan Sommerfeld (Mobilitätsmanager).
Der „Klecks“-Parkplatz an der Rottachstraße (gegenüber der Feuerwehr) soll voraussichtlich zum nördlichen Bus-Umsteigepunkt umgebaut werden. Für die neuen Bussteige samt Ein- und Ausfahrten müssten allerdings zahlreiche Bäume gefällt werden. Schröck erinnerte daran, wie wichtig Bäume bei immer heißer werdenden Sommern sind. Auch der Rottachstraße würde eine stärkere Begrünung mit Bäumen gut tun, so Schröck weiter. „Wenn die Bus-Umsteigestelle in diesen Teil der Stadt verlegt wird, muss der gesamte Bereich inklusive Galeria-Kreisel stadtgestalterisch in die Planung einbezogen werden, damit die Anbindung an die Innenstadt gut gelingt!“
Thomas Kappler, Geschäftsführer der Kemptener Verkehrsbetriebe (KVB), war so freundlich, die Gruppe mit dem Bus zum Bahnhof zu chauffieren, wo er das neue Bussystem erläuterte und Fragen beantwortete. Unter anderem die, ob denn wirklich ein neuer Umsteigepunkt im Norden der Stadt nötig sei. Auch mit dem neuen System brauche es eine größere Umsteigestelle, so Kappler, weil die Busfahrer Abstellmöglichkeiten für ihre Fahrzeuge benötigten, um die vorgeschriebenen Pausenzeiten einzuhalten. Hierfür sei die ZUM zu klein. Problematisch seien außerdem Veranstaltungen wie die Festwoche, die über Wochen die ZUM blockierten und damit den Busbetrieb in den Ausnahmezustand versetzten.
Ab 17.30 Uhr begann die zweite Ortsbegehung am Hauptbahnhof, bei der weitere Personen zur Gruppe hinzustießen. Hier ging es um die Planungen für den Bahnhofsvorplatz. Auch der Tunnel zum östlichen Hinterausgang (der laut Schröck die Anmutung eines Mauselochs hat) wurde besichtigt, genauso wie die neue Radabstellanlage an der Ostseite der Gleise. Diese wird sehr gut angenommen und ist leider viel zu klein. Große Teile des Geländes gehören laut Tiefbauamtsleiter Wiedemann der DB und sind somit dem Zugriff der Stadt entzogen. Zur geplanten Neugestaltung des Bahnhofsvorplatzes sagte Schröck: „Dies ist der erste Ort, den man sieht, wenn man mit dem Zug nach Kempten kommt, die Visitenkarte der Stadt sozusagen. Dementsprechend attraktiv und einladend muss das Areal gestaltet werden.“
Anschließend brachte Thomas Kappler die Gruppe zur Burgstraße, von wo es nur wenige Schritte zum Reglerhaus sind. Dort fand die Podiumsdiskussion statt. Die Moderation übernahm, wie schon bei mehreren LebensWert-Veranstaltungen,Doris Bimmer (Bayerischer Rundfunk).
Zunächste erklärte Tim Koemstedt, seit 2015 Baureferent der Stadt Kempten, in aller Kürze das Mobilitätskonzept 2030, das „für fünf unterschiedliche Verkehrsarten Ziele für die Entwicklung der Stadt Kempten formulieren“ sollte. Eine Maßgabe war dabei, dass die Innenstadt weiterhin „erreichbar“ sein sollte.
Stadträtin Franziska Grotz (Future for Kempten), sieht nachhaltige Mobilität als die wichtigste Stellschraube der Kommunalpolitik für Klimaschutz und warb für „so wenig Auto wie möglich“.
Matti Drechsel, Professor für Urban Design an der TU München, hatte mit einer Gruppe Studierender die Situation am Bahnhof untersucht, unter anderem mithilfe von Befragungen Kemptener Bürger*innen. Er stellte einige wichtige Erkenntnisse der Studie und Gestaltungsvorschläge für den Bereich um den Bahnhof vor: Die großen Straßenzüge erschweren ihm zufolge den Zugang für Fußgänger und Radler. Überhaupt sei der Bahnhof eher schlecht erreichbar. Besonders die Wiesstraße sei eine wichtige Achse in die Innenstadt. Der Bahnhof sei funktional, aber nicht einladend, die Aufenthaltsqualität werde als „nicht gut“ empfunden. Die Orientierung für Ortsfremde falle schwer. Die intermodale Mobilität sollte verbessert werden und der Bahnhofsvorplatz nicht nur als Mobilitätsdrehscheibe dienen, sondern auch im Sinne der Klimawandelanpassung ertüchtigt werden. Drechsel merkte an, dass der Umbau des Bahnhofsvorplatzes nicht als reines Mobilitätsprojekt betrachtet werden dürfe. Vielmehr sei es wichtig, den gesamten Bereich bis zum Forum einschließlich der Hochschule im Sinne einer stadtplanerischen Quartiersentwicklung in die Planungen einzubeziehen – und den östlichen Bahnhofsausgang an den Naturraum der nahen Iller anzuknüpfen.
Auch Tim Koemstedt möchte den Bahnhof als „Ort des Ankommens mit Aufenthaltsqualität“ entwickeln und räumte ein, dass die Achse in Richtung Innenstadt ausbaufähig sei. Die Studie der TU München komme leider etwas zu spät, denn das Vergabeverfahren für die Neuplanung des Bahnhofsvorplatzes sei bereits in Arbeit. Man könne aber spätestens in der öffentlichen Beteiligung weitere Aspekte einbringen.
Für einige Lacher sorgte der trockene Humor von Alexander Wetzig, dem ehemaligen Bau-Bürgermeister der Stadt Ulm. Auf die Frage, was er bei seiner Anreise mit dem Zug beim Anblick des Kemptener Bahnhofs gedacht habe, kam die prompte Antwort: „Katastrophe!“, oder mit anderen Worten „Hoppla, hier gibt’s was zu tun!“ Der Bahnhof sei der Stadt nicht würdig, befand er. Wie Drechsel mahnte Wetzig an, dass Mobilität nicht isoliert betrachtet, sondern vom Städtebau aus gedacht werden müsse. „Der öffentliche Raum ist ein sozialer Raum, in dem man sich begegnet, und nicht nur Verkehrsraum. Er prägt das Lebensgefühl in einer Stadt.“ Wichtig sei es, über die Nutzung des Raums ideologiefrei zu verhandeln – es gehe um die Attraktivität der Stadt. Und ganz wichtig sei es, die Bürgerschaft in die Diskussion einzubeziehen: „Planung muss man in einem Kommunikationsprozess entwickeln“, war sein Fazit aus 24 Jahren Erfahrung als Baubürgermeister. „Die Stadtgesellschaft muss eine Haltung finden. Dafür muss aber auch geworben werden. Wichtig ist, dass man das Ziel nicht aus den Augen verliert.“
„Werden die Leute in Kempten denn mitgenommen?“, fragte die Moderatorin Tim Koemstedt. Dieser erwiderte, Bürgerbeteiligung habe eine lange Tradition in Kempten. Die Bürger sollen die Stadt mitgestalten können. Das Mobilitätskonzept beispielsweise sei ein langer Prozess gewesen. Woraufhin Franziska Grotz kritisierte: „Warum müssen einzelne Mini-Maßnahmen dann immer noch mal neu diskutiert werden?“ Die Antwort Koemstedts fiel vage aus: Es gebe „Konkurrenz zwischen den Projekten“ und politisch herrschten oft verschiedene und wechselnde Meinungen …
Dann wollte Moderatorin Bimmer von Koemstedt wissen: „Was kann Kempten von Ulm lernen?“ Man habe, so Koemstedt, ähnliche Prozesse durchlaufen. Die Fischerstraße zur Fußgängerzone umzuwidmen sei ein „Riesenthema“ gewesen, der Hildegardplatz sei ein großer Parkplatz gewesen. „Städtebau ist nie fertig. Wir müssen die Innenstadt neu entwickeln – Erreichbarkeit für jeden ist wichtig, aber man kann nicht dem Pkw nach wie vor alle Privilegien geben.“
Matti Drechsel ergänzte: „Die Klimawandelanpassung ist unumgänglich. Der Rad- und Fußverkehr ist unsere Chance!“
Und Franziska Grotz meinte: „Es geht auch um die Frage: Welche Werte haben wir? Alle sollten in der Stadt ihren Platz erhalten.“
Veranstaltet wurde die LebensWert-Veranstaltung vom architekturforum allgäu e. V. in Kooperation mit dem Bund Deutscher Architektinnen und Architekten, den Freunden der Altstadt Kempten e. V., dem Freundeskreis für ein lebenswertes Kempten, dem Heimatverein Kempten e. V., den Stiftsstadtfreunden e. V. und dem TAS (Treffpunkt Architektur Schwaben der Bayerischen Architektenkammer).

