Achtung: Heizen mit Wasserstoff kann zur Kostenfalle werden!
In zahlreichen Debatten wird über das Heizkonzept der Zukunft diskutiert. Immer wieder wird neben der Wärmepumpe auch das Heizen mit Wasserstoff beworben. Doch ist das Heizen mit Wasserstoff eine realistische Zukunftsvision? Dieser Beitrag soll über die Fallstricke und die Problematik dieses Heizkonzepts aufklären.
Die heutige Wasserstoffproduktion ist klimaschädlich
Besonders kritisch ist die heutige Wasserstoffproduktion. Der Großteil des Wasserstoffs wird heute durch Dampfreformierung aus Erdgas (Methan) hergestellt, ein fossiler Prozess mit hohen CO₂-Emissionen. Solange Wasserstoff auf diese Weise produziert wird, ist seine Nutzung zum Heizen nicht besser als die direkte Verbrennung von Erdgas. Der wesentliche Unterschied besteht darin, dass das CO₂ bereits bei der Wasserstoffproduktion emittiert wird und nicht wie bei der Gasheizung erst bei der Verbrennung im heimischen Kessel.
Heizen mit Wasserstoff ist ineffizient
Aus Klimaschutzsicht ergibt der Ersatz von Erdgas durch Wasserstoff nur Sinn, wenn grüner Wasserstoff eingesetzt wird, der nicht aus fossilem Erdgas, sondern aus regenerativem Strom und Wasser hergestellt wird. Doch auch hier fällt die Gesamteffizienz sehr niedrig aus. Das liegt an der langen, verlustbehafteten Umwandlungskette von der Stromproduktion über die Aufspaltung von Wasser in Elektrolyseuren, den Transport und die Speicherung des Wasserstoffs bis hin zur Wärmebereitstellung im Haus. Wasserstoffheizungen benötigen für dieselbe Wärmemenge etwa 5 bis 6-mal so viel Strom wie Wärmepumpen [FRA20]. Eine breite Nutzung von Wasserstoffheizungen würde deshalb den Energiebedarf Deutschlands erheblich steigern.
Wasserstoff ist ein Klimagas
Vielen unbekannt ist die wissenschaftliche Erkenntnis, dass molekularer Wasserstoff indirekt als Klimagas wirkt. Über 20 Jahre betrachtet besitzt es ein Treibhauspotenzial, das etwa um den Faktor 33 höher liegt als das von CO₂. Unvermeidbare Leckagen entlang der gesamten Wertschöpfungskette verschlechtern die Klimabilanz zusätzlich [UBA22].
Wasserstoff ist knapp
Für die Transformation hin zur Klimaneutralität wird Deutschland bereits in anderen Sektoren enorme Mengen an Wasserstoff benötigen. Insbesondere die Stahl- und Chemieindustrie sind auf grünen Wasserstoff angewiesen, da dort keine anderen Möglichkeiten zur Dekarbonisierung in Sicht sind. Bereits dieser industrielle Bedarf übersteigt die nach aktuellen Planungen künftig in Deutschland produzierbaren Wasserstoffmengen bei Weitem [EZA24]. Dementsprechend arbeitet die Regierung bereits daran, Länder und Regionen zu identifizieren, die in der Lage sind, ausreichend grünen Wasserstoff zu produzieren und nach Deutschland zu exportieren. Doch bis heute ist weder geklärt, welche Länder wie viel Wasserstoff produzieren bzw. den produzierten Wasserstoff nach Deutschland exportieren werden, noch wie der Wasserstoff nach Deutschland transportiert werden soll. Deshalb ist davon auszugehen, dass Wasserstoff bis auf Weiteres eine knappe Ressource bleiben wird, die prioritär in alternativlosen Anwendungen eingesetzt werden muss.
Riesiger Wärmebedarf gegenüber knappem Wasserstoff
Der Wärmesektor stellt den größten Energieverbraucher in Deutschland dar. Über 50 % der Endenergie werden hier für Wärme eingesetzt, allein 27 % entfielen im Jahr 2024 auf die Raumwärme [UBA24]. Es ist weder realistisch noch sinnvoll, für diese enormen Energiemengen den ohnehin knappen Wasserstoff zu verwenden. Dies würde unseren Wasserstoffbedarf vervielfachen und den Mangel an grünem Wasserstoff dramatisch verschärfen. Die hohe Nachfrage würde Wasserstoff aller Voraussicht nach extrem teuer machen.
Das Warten auf Wasserstoff wird Gaskunden teuer zu stehen kommen
Für Kunden, die heute Gasheizungen betreiben und auf die Umstellung auf Wasserstoff hoffen, entsteht ein wachsendes Kostenrisiko. Mit der allgemein zunehmenden Umstellung auf Wärmepumpen sinkt die Zahl der Gasanschlüsse, so dass die Betriebskosten für das Gasnetz auf immer weniger Haushalte umgelegt werden. Netzentgelte (ein Teil des Gaspreises) werden deshalb in Zukunft deutlich steigen. Plakativ ausgedrückt: „Der letzte Kunde bezahlt das ganze Gasnetz“. Zusätzlich wird der Gebäudesektor ab 2028 vollständig in den europäischen CO₂-Zertifikatehandel integriert, was Erdgas weiter verteuern wird. Steigende Netzentgelte und CO₂-Kosten werden voraussichtlich für viele Haushalte zu erheblichen Mehrbelastungen führen.
Heizen mit Wasserstoff verlängert unsere geopolitische Abhängigkeit
Aus geopolitischer Sicht wäre es insbesondere für Deutschland, als ressourcenarmes Land, ratsam, die Unabhängigkeit von Rohstoffen anzustreben, die im Land nicht in ausreichender Menge verfügbar sind. Wir sollten nicht auf das haltlose Versprechen hereinfallen, dass die fossile Industrie Erdgas durch grünen Wasserstoff ersetzt. Alle aktuellen Erkenntnisse weisen darauf hin, dass der hierfür erforderliche Ausbau der regenerativen Stromerzeugung nicht gestemmt werden kann. Zu befürchten bleibt, dass der fehlende grüne Wasserstoff durch klimaschädlichen fossilen Wasserstoff gedeckt werden muss. Wir müssen aufpassen, dass wir die aktuelle Abhängigkeit im Bereich Öl und Erdgas nicht durch eine neue Wasserstoffabhängigkeit ersetzen.
H₂-Ready heißt: Noch viele Jahre lang Erdgas
Fossile Akteure werben damit, eine günstige und einfach installierbare „H₂-Ready“-Gasheizung einzubauen und versprechen, dass die Gasleitungen bald Wasserstoff transportieren werden. Dass „H₂-Ready“-Heizungen tatsächlich nur mit einem Erdgas-Wasserstoffgemisch (bis ca. 20-30 % Wasserstoffanteil) und nicht mit reinem Wasserstoff betrieben werden können, wird zumeist verschwiegen [FRA25]. Sobald also bei einer Netzumstellung der Wasserstoffgehalt über 30 % steigt, müsste jeder angeschlossene Teilnehmer noch einmal umgerüstet werden. Die koordinierte Umstellung kann nur zonenweise passieren und wäre logistisch extrem schwierig.
Weshalb werden Wasserstoffheizungen beworben?
Letztlich geht es um den Überlebenskampf der fossilen Industrie. Große Akteure wie Gasversorger oder Gasnetzbetreiber hängen wirtschaftlich von der weiteren Nutzung fossiler Energieträger ab. Entsprechend versuchen diese Industrien, die Transformation so zu gestalten, dass der weitere Verkauf dieser Energieträger und die Existenz der beteiligten Unternehmen gesichert wird [STÖ24]. Das versuchen sie unter anderem mit Wasserstoffheizungen zu erreichen.
Fazit
Wasserstoff ist für die Energiewende unverzichtbar, aber zu knapp, zu ineffizient und zu klimaschädlich, um ihn im Wärmesektor einzusetzen. Für Gebäude ist die direkte Nutzung von regenerativem Strom über Wärmepumpen oder der Anschluss an ein klimafreundlich betriebenes Wärmenetz die deutlich effizientere und langfristig kostengünstigere Lösung.
Kleiner Tipp: Auf dem Instagram-Account von Kempten-muss-handeln findet ihr ein kurzes Interview mit Prof. Dr. Martin Steyer zum Thema Heizen mit Wasserstoff!
Quellen
[EZA24] M. Steyer, H. J. Barth, M. Sambale, Wärmepotenzial Schwaben. Studie des Energie- und Umweltzentrum Allgäu und der Hochschule für angewandte Wissenschaften Kempten, 12. August 2024, https://www.eza-allgaeu.de/fileadmin/user_data/eza/Dokumente/Kommunen___Unternehmen/2024-09-17_Studie_Waermepotenzial_Schwaben_Kurzfassung.pdf – aufgerufen am 19.02.2026
[FRA20] N. Gerhardt, J. Bard, R. Schmitz, M. Beil, M. Pfenning, T. Kneiske, Wassterstoff im zukünftigen Energiesystem: Fokus Gebäudewärme. Fraunhofer-Institut für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik IEE, Mai 2020, https://s.fhg.de/GV4 – aufgerufen am 19.02.2026
[FRA25] B. Pfluger, S. Oberle, P. Manz, M. Fritz, Heizen mit Wasserstoff – Aufwand und Kosten für Haushalte anhand aktueller Daten und Prognosen. Fraunhofer-Einrichtung für Energieinfrastrukturen und Geotechnologien IEG, Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI, Oktober 2025, https://www.greenpeace.de/publikationen/251014_Studie_Heizen_mit_Wasserstoff_20251013.pdf – aufgerufen am 15.01.2026
[STÖ24] C. Stöcker, Männer, die die Welt verbrennen: Der entscheidende Kampf um die Zukunft der Menschheit, 2024 (1. Aufl.). Ullstein Verlag. ISBN 978-3-550-20282-7.
[UBA24] Umweltbundesamt, Energieverbrauch für fossile und erneuerbare Wärme, 19. Januar 2024, https://www.umweltbundesamt.de/daten/energie/energieverbrauch-fuer-fossile-erneuerbare-waerme – aufgerufen am 15.01.26
[UBA22] Umweltbundesamt, Ist Wasserstoff treibhausgasneutral? – Stand des Wissens in Bezug auf diffuse Wasserstoffemissionen und ihre Treibhauswirkung, 30. November 2022, https://www.umweltbundesamt.de/system/files/medien/479/dokumente/uba_ist_wasserstoff_treibhausgasneutral.pdf – aufgerufen am 15.01.2026
