Rottach-Siedlung: Abriss oder Sanierung?

Rottach-Siedlung

Lebhafte Diskussion über die Zukunft des Quartiers

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe LebensWert wurde am Donnerstag lebhaft über die Zukunft der Rottach-Siedlung diskutiert. Die Kulturwirtschaft im KQA war rappelvoll und zeugte vom großen Interesse an der ehemaligen Siedlung für Heimatvertriebene im Norden Kemptens. Unter den Besuchern waren auch viele Bewohner*innen des Quartiers, die um ihre Wohnungen bangen, seit bekannt wurde, dass die Gebäude abgerissen und durch Neubauten ersetzt werden sollen.

Bereits die Ortsbegehung am Nachmittag war mit etwa 50 Teilnehmern gut besucht. Auf einem Rundgang durch die Siedlung erläuterte Franz Schröck, Geschäftsführer des Architekturforums, die Geschichte und städtebaulichen Besonderheiten dieser Anlage aus den unmittelbaren Nachkriegsjahren. Treffpunkt war der „Kuschel-Brunnen“ des Künstlers und Bildhauers Ferdinand Kuschel (Kantstraße 19), der an das Schicksal der Vertriebenen erinnert, die ab Mitte der 1940er-Jahre hier eine neue Heimat fanden. Während des Rundgangs hörte ich aus Gesprächsfetzen eine tiefe Verbundenheit der Bewohner*innen mit ihrer Siedlung heraus: „Hier haben wir als Kinder immer auf den Treppen gespielt“, „Weißt du noch …?“

Seit Jahren radle ich an der Siedlung regelmäßig vorbei, aber bei diesem Rundgang eröffnet sich mir eine neue Welt: Hier scheint es noch eine lebendige Nachbarschaft zu geben, wo man sich seit Ewigkeiten kennt und gegenseitig hilft. Es rührt mich, dass es so eine Gemeinschaft auch im städtischen Kontext noch gibt.

Die Sozialbau hat schon vor Längerem große Teile der Rottach-Siedlung erworben: 60 % der Anlage gehören der Kemptener Wohnungsbaugesellschaft, die restlichen 40 % sind im Besitz der „BImA“ (Bundesanstalt für Immobilienaufgaben). Im Lageplan rot sind laut dem Kenntnisstand des Architekturforums BiMA-Gebäude, blau sind Gebäude der Sozialbau. Das Problem ist, dass die Gebäude in die Jahre gekommen sind – die Wasserleitungen sind überaltert, es gibt keine Zentralheizung und die Wohnungen sind in sehr unterschiedlichen Zuständen, je nachdem, ob die Bewohner in den letzten Jahren bzw. Jahrzehnten selbst renoviert haben. Barrierefrei sind die Gebäude auch nicht.

Bei der Podiumsdiskussion am Abend legte Herbert Singer, bis vor zwei Jahren Geschäftsführer der Sozialbau, dar, dass aus seiner Sicht eine Generalsanierung der Gebäude wirtschaftlich nicht darstellbar sei. Die Gebäude seien „verbraucht“, zu groß sei der Sanierungsstau, zu schlecht der Zustand der Bausubstanz. Zudem entsprächen die Grundrisse und eine Deckenhöhe von 2,25 Metern* nicht mehr dem modernen Standard. Bei Neuvermietung nähmen Leute „aus der Mitte der Gesellschaft“ Wohnungen mit niedrigerem Komfort nicht mehr an. Zentrale Wärmeversorgung, ein Balkon und Barrierefreiheit seien heutzutage Standard. Nikolas Raimund, Geschäftsführer der SWW Oberallgäu Wohnungsbau GmbH, pflichtete Singer bei, dass die Ansprüche von Mietern gestiegen seien.

Herr Berger, der als Vertreter der Quartiers-Bewohner*innen auf dem Podium saß, widersprach: etwa die Hälfte der Wohnungen sei in einem „tiptop“ Zustand und die Zuschnitte der Wohnungen vollkommen in Ordnung. Man brauche keine überdimensionierten Bäder oder Wohnzimmer. Und einen Balkon schon gar nicht, denn man setze sich gemeinsam in die Höfe.

Markus Naumann, Vorsitzender des Heimatvereins Kempten, sieht in der Siedlung ein Zeitzeugnis – einen wichtigen Erinnerungsort an Flucht und Vertreibung, das zumindest in Teilen erhalten werden sollte. Er hob besonders den Kuschel-Brunnen, den podestartigen Aufbau der Ladenzeile in der Kantstraße und hübsche Elemente wie die dekorative Fassade mit der „Kempter Meise“ hervor.

Günther Prechter, Architekt und Stadtplaner aus Vorarlberg, wies darauf hin, dass die Politik die Rahmenbedingungen setzen muss, damit Sanierung kostengünstiger wird als Abriss und Neubau. Der CO₂-Fußabdruck fehle in den ganzen Berechnungen, die gesamte „Graue Energie“, die in einem Gebäude steckt, wird beim Abriss vernichtet. In der Schweiz, die Deutschland beim zirkulären Bauen etwa zehn Jahre voraus sei, würden Bestandsgebäude heute „mit der Pinzette zerlegt“ und man setze darauf in großem Stile. Angesichts der explodierenden Baukosten müsse man außerdem hinterfragen, ob wir uns bestimmte Standards wie z.B. Barrierefreiheit in allen Geschossen wirklich in der Breite leisten können.

In der abschließenden Publikumsdiskussion kamen weitere interessante Aspekte hinzu. Ein Architekt bemerkte beispielsweise, dass es nicht zuletzt eine gesellschaftliche Diskussion sei, die geführt werden müsse: Was wollen wir bewahren? Wie wichtig sind uns Themen wie Klimaschutz, einfaches Bauen (um Kosten zu senken) oder der soziale Aspekt der Siedlung? Uns sei nicht dabei geholfen, kategorisch oder rein betriebswirtschaftlich zu denken, man müsse einen freien Denkraum schaffen. Stadträtin Annette Hauser-Felberbaum kritisierte, dass wir unsere Städte kulturhistorisch kaputtmachten. Außerdem gehe es um die Leute, die in der Siedlung wohnen. Baureferent Tim Koemstedt wiederum möchte in erster Linie nachverdichten und mehr bezahlbaren Wohnraum schaffen.

Ich persönlich fände es sehr bedauerlich, wenn bei der Entscheidung zwischen Sanieren oder Abriss/Neubau betriebswirtschaftliche Erwägungen alle anderen Themen ausstechen. Die Rottach-Siedlung ist ein besonderer Ort mit einer besonderen Geschichte und einer einzigartigen Gemeinschaft. Meines Erachtens sollte man versuchen, ihn soweit irgend möglich zu erhalten. Man darf gespannt sein, welche Sichtweise sich am Ende in unserer Stadtpolitik durchsetzt.


* Anmerkung des Architekturforums: Das war definitiv eine Aussage von Herrn Singer in Unkenntnis. Laut Originalplänen beträgt die Geschosshöhe in allen Geschossen 2,625 m, daraus resultiert ungefähr eine Raumhöhe von 2,45 m.

Podiumsgäste:

  • Markus Naumann, Vorsitzender des Heimatvereins Kempten
  • Günther Prechter, Architekt und Stadtplaner, der für ein bestandserhaltendes „Weiterbauen“ der Vorarlberger Südtirolersiedlungen eintritt, die u.a. in Bregenz aktuell vom Abbruch bedroht sind
  • Nikolas Raimund, Geschäftsführer SWW Oberallgäu Wohnungsbau GmbH, Erfahrung mit Transformationsprojekt „Goethe+“-Siedlung in Sonthofen
  • Herbert Singer, ehemaliger Geschäftsführer Sozialbau Kempten
  • Peter Berger, Vertreter der Quartiers-BewohnerInnen der Rottach-Siedlung

Moderation: Doris Bimmer, Bayerischer Rundfunk (BR)