„Zukunft Innenstadt – Handel, Begegnung und Lebensqualität“

Raum mit Publikum von hinten bei Podiumsdiskussion

LebensWert-Podiumsdiskussion zu den Anforderungen einer zukunftsfähigen Stadtgestaltung

Im Vortrag von Levke Sönksen (Difu) und der anschließenden Podiumsdiskussion mit Christian Campagna (Mode Reischmann) und Prof. Robert Keller (INIT/Hochschule Kempten) wird vor allem eines deutlich: Weniger Parkplätze schaden dem Handel nicht, sondern fördern ihn. Wenn die Aufenthaltsqualität stimmt.

In der Denkfabrik der Hochschule Kempten mussten schnell noch zusätzliche Stühle aufgestellt werden, um allen Gästen einen Sitzplatz bieten zu können: Mit etwa 60 Personen kamen mehr Interessierte als erwartet zum Vortrag von Levke Sönksen und zur anschließenden Podiumsdiskussion. Es ging um die Frage: Was braucht eine Innenstadt, damit Menschen gerne dort einkaufen, verweilen und immer wieder zurückkehren?

Levke Sönksen, Projektleiterin am Deutschen Institut für Urbanistik (Difu) in Berlin, ging zunächst auf den Strukturwandel im Einzelhandel ein: Dieser gerät durch die Zunahme des Onlinehandels, Fachmärkte auf der grünen Wiese oder eine allgemeine Kaufzurückhaltung aufgrund der Inflation zunehmend unter Druck. Gleichzeitig wachsen die Anforderungen an den Straßenraum: Es gibt immer mehr Autos und Lieferverkehr, der Umweltverbund oder Maßnahmen zur Klimawandelanpassung benötigen ebenfalls Platz. Obwohl bereits in den 1990er Jahren lebhaft über die Neuverteilung öffentlichen Raums diskutiert wurde, dominiert weiterhin das Auto den Straßenraum. Wo Parkplätze wegfallen, gebe es beim Einzelhandel meistens Angst vor Umsatzeinbußen. Die Faktenlage zeige jedoch, dass in der Regel der Umsatz gleich bleibt oder leicht steigt. Besonders die Gastronomie profitiere, lediglich einzelne Unternehmen wie z.B. Autoteilehändler verzeichneten einen Rückgang beim Umsatz.

Diverse Studien zeigen laut Sönksen einen positiven Zusammenhang zwischen einer fahrrad- und fußgängerfreundlichen Stadtgestaltung und Umsätzen im Einzelhandel. Betrachtet man die Verkehrsmittel im Verhältnis zum Umsatz, zeige sich, dass Kunden, die mit mit dem Auto unterwegs sind, für den einzelnen Einkauf durchschnittlich mehr Geld ausgeben, dafür aber wesentlich seltener einkaufen. Erstaunlich ist, dass viele Händler falsch einschätzen, welche Verkehrsmittel ihre Kundschaft nutzt: Das Auto wird deutlich überschätzt, wohingegen unterschätzt wird, wie viele Leute zu Fuß, mit dem Rad und öffentlichen Verkehrsmitteln kommen.

Gemäß Sönksens Studie spielt die Aufenthaltsqualität für die Gesamtattraktivität einer Stadt mit Abstand die größte Rolle. Darauf folgen Erlebniswert, Gebäude/Fassaden und das Einzelhandelsangebot, des Weiteren Sauberkeit sowie Wege, Plätze und Sitzmöglichkeiten. Parkmöglichkeiten für PKW stehen an allerletzter Stelle. Sönksens Fazit lautet: Dem Einzelhandel ist am meisten gedient, wenn die Stadt für bessere Luft, mehr Platz für Menschen und mehr Lebensqualität sorgt. Wichtig sei auch, die Erreichbarkeit zu gewährleisten und Alternativen zum PKW zu fördern. Zudem sei es sinnvoll, durch kürzere Parkzeiten und höhere Gebühren Parkplätze effizient zu nutzen.

Im Anschluss an den Vortrag diskutierten die Podiumsgäste Christian Campagna (Leiter Mode Reischmann) sowie Prof. Robert Keller vom Institut für Nachhaltige und Innovative Tourismusentwicklung (INIT) an der Hochschule Kempten sowie die Referentin Levke Sönksen, moderiert von Anke Roser vom Stadtmagazin 0831. Christian Campagna bestätigte, dass die Umwandlung des nördlichen Teils der Bahnhofstraße in eine Fußgängerzone dem Umsatz in seiner Filiale und den umliegenden Geschäften nicht geschadet habe. Parkplätze gebe es in ausreichender Menge – das hauseigene Parkhaus sei selten ausgelastet. „Es reicht aber nicht, die Tür aufzumachen. Man muss Mut haben und Aktionen anbieten, ob Gastro, Konzerte, Modenschauen, Kunstausstellungen oder sonstige Events.“ Campagna kritisierte, dass dieser Teil der Fußgängerzone immer noch sehr straßenlastig anmute und Fahrrad- und E-Scooter-Fahrer zum schnellen Fahren verlocke. Er wünschte sich mehr Grün, Sitzbänke und eine echte gestalterische Umwandlung.

Für Touristen, so Professor Keller, sei die Stadt Kempten in erster Linie eine Alternative bei schlechtem Wetter. In der Regel seien sie wegen der Berge im Allgäu. Sowohl Tages- als auch Übernachtungsgäste kämen vorwiegend mit dem Auto und stiegen nicht unbedingt auf den ÖPNV um, weil sie sich erst einmal einlesen müssten. Die Hochschule mache sich Gedanken, wie die Kommunikation verbessert werden kann, um Touristen zur Nutzung der Öffis zu animieren, und arbeite derzeit an geeignetem Infomaterial. Insgesamt sei das Marketing für eine Stadt – mit Infos, was in der Stadt los ist – für den Tourismus sehr wichtig.

Gefragt, was er unter Aufenthaltsqualität verstehe, antwortete Keller: Schatten und damit Kühlung im Sommer, Hitze- und Starkregenvorsorge durch das Schwammstadtprinzip sowie Sitzmöglichkeiten. Campagnas Antwort fiel ähnlich aus: „Wir haben die längste Fußgängerzone in Schwaben, da braucht es Ankerpunkte: Cafés, Sitzgelegenheiten und so weiter. Auch Schatten ist wichtig.“ Problematisch sieht Campagna die Trennwirkung durch die Bundesstraße B19, die man im Verlauf der Fußgängerzone überqueren muss. Aus Kundendaten könne er ablesen, dass die Straße wie eine Barriere wirkt – selten würden Kunden beide Filialen (die eine nördlich, die andere südlich der B19) besuchen. Er fände eine Unterführung für den Autoverkehr gut.

Zum Abschluss fragte Anke Roser alle drei Podiumsgäste nach der Innenstadt der Zukunft. In Kellers Augen müsse die Innenstadt Erlebnisse bieten, ein Ort der Begegnung sein, Menschen zusammenbringen. Ähnlich sieht es Campagna: „Egal ob für Kemptener oder für von außen Kommende: Die Innenstadt muss einen Mehrwert bieten.“ Auch Sönksen versteht die Innenstadt der Zukunft als sozialen Ort: „Die Stadt darf nicht nur funktional sein oder lediglich als Kulisse für Shopping dienen, auch nach 22 Uhr sollten noch Dinge passieren dürfen.“

Für mich persönlich war die erstaunlichste Erkenntnis, dass „der Einzelhandel“ (zumindest in Gestalt von Christian Campagna) überhaupt keine Panik vor der Reduktion von Parkplätzen hat, wie immer wieder in Medien und Stadtratsitzungen suggeriert wird. Und dass unser Verständnis von einer attraktiven Innenstadt ziemlich deckungsgleich ist: Viel Grün und Sitzgelegenheiten, einladend und gemütlich. Na, wenn sich alle so einig sind, wird es ja vielleicht eines Tages noch was mit der Verlängerung der Fußgängerzone bis zum Forum … 

Veranstaltet wurde die LebensWert-Podiumsdiskussion vom Freundeskreis für ein lebenswertes Kempten, in Zusammenarbeit mit dem architekturforum allgäu e. V., dem INIT/Hochschule Kempten, den Freunden der Altstadt Kempten e. V., den Stiftsstadtfreunden e. V. sowie dem Bund deutscher Architektinnen und Architekten.

Die vollständige wissenschaftliche Studie des Deutschen Insititus für Urbanistik gibt es unter diesem Link: „Verkehrsberuhigung und Einzelhandel: Dann wird’s laut“

Mit freundlicher Genehmigung der Referentin Levke Sönksen dürfen wir hier ihre Präsentation zur Verfügung stellen: